Wie meine Trauerrede Oma glücklich gemacht hätte. So fing alles an.

6. April 2022

Ok, heute wird’s sehr persönlich. Denn ich (Martin) möchte Euch heute von einer der vielen Situationen berichten, wie es zu “Auf das Leben” gekommen ist. Und wie mir das Schreiben einer Trauerrede geholfen hat, mit meiner eigenen Trauer umzugehen. Hier geht es also darum, wie meine Trauerrede Oma glĂĽcklich gemacht hätte.

Plötzlich. Unerwartet. Schock. Oma ist gestorben.
Wie konnte das passieren? Sie war doch noch so fit? Ok, außer ein paar Weh-Wehchen vielleicht. Aber das ist doch soweit nichts ungewöhnliches?
Die Nachricht, dass Oma nun nicht mehr da ist, traf mich ins Mark. Und wenn es mich schon so unerwartet trifft, wie geht es Ihren Kindern mit dieser Nachricht? Meiner Mutter, meinem Onkel, unserer Familie?

Welche Dinge mĂĽssen wir organisieren?
Bestattungsinstitut anrufen? Haus ausräumen? Versicherungen kündigen? Konto auflösen? Zudem jede Menge Formalien erledigen. Platz für Trauer? Irgendwie nicht. Platz, sich mit Erinnerungen an Oma auseinanderzusetzen? Irgendwie auch nicht so recht.

Es geht weiter. Irgendwie. Muss ja. Platz fĂĽr GefĂĽhle? Irgendwann vielleicht. Im Moment funktioniert man nur. Es wartet ein Tunnel voller organisatorischer Aufgaben vor einem. Wo ist das Licht am Ende des Tunnels? Noch nicht zu sehen. Rein in die Dunkelheit. Ins Ungewisse.

In der Hoffnung, dass am Ende alles gut wird.

Oma, das ist fĂĽr Dich.

Meine Oma blickte mit Stolz darauf, dass ich “irgendwas” mit Reden mache. Und “wenn ich mal nicht mehr da sein sollte, hältste auch die Rede, ja?”, sagte sie. OK Oma, damit kannst Du dir aber bitte gerne noch Zeit lassen.
Aber dann war der Tag da.

Das Datum der Beerdigung stand schnell fest und meine Familie bat mich, ein paar Worte am Grab zu verlieren.

Was sage ich? Wie gehe ich mit meiner eigenen Trauer um? Kann ich das?

Im ersten Augenblick wusste ich gar nicht so recht, ob ich das machen möchte. Als ich so nachdachte, ob ich der Aufgabe gerecht werden kann, sah ich aber ihr Bild vor Augen, wie sie mich anlächelte. Mir zunickte. Sie wollte, dass ich diese Rede für sie halte. Eine Trauerrede. Meine erste Trauerrede überhaupt.

Ich kann das.

Zur Vorbereitung sprach ich viel mit meiner Familie. Alle bestärkten mich in diesem Vorhaben und unterstützen mich mit vielen Anekdoten zu Oma. Viel mehr als ich in eine Rede überhaupt packen kann. Aber so war schnell klar: Ja, es wird eine Trauerrede. Aber nein, es wird keine traurige Rede. Es wird eine Rede, die Zuversicht ausstrahlt. Eine Rede, die Kraft spendet. Eine Rede, die sich Oma so gewünscht hätte.

Auf Oma, auf die gemeinsamen Momente, auf das Leben!

Meine Familie hatte auch ein Gespräch mit einem Trauerredner, den das Bestattungsinstitut vorgeschlagen hat. Aber so recht wollte der Funke nicht ĂĽberspringen. Denn hier stand uns die “Trauer” zu sehr im Fokus. Nicht umsonst hat das Wort “Trauerfeier” aber zwei Bestandteile.
Meine Oma war eine so fröhliche und lebensbejahende Person. Also sollte diese Lebensfreude unbedingt auch während der Trauerfeier und Beerdigung Berücksichtigung finden.

Der Fokus sollte hier “auf das Leben” gesetzt werden. Meine Oma hatte ein langes, ein erlebnisreiches Leben. Sie lachte gerne, sie lachte viel. Sie hatte Stärken, Schwächen. AuĂźerdem war Oma Vorbild. Und sie fehlt. Uns allen. Und das ist auch nach all der Zeit, in der sie jetzt nicht mehr unter uns, so.

Das Schreiben der Rede hat mir bei der Trauerbewältigung enorm geholfen. Ich habe Trauer zugelassen. Als ich in den Erinnerungen an Oma geschwelgt habe, habe ich die Trauer umarmt. Sie zum Teil des Prozesses gemacht. Aber immer wieder auch Freude verspürt, was ich doch für eine tolle Oma hatte. Und darauf wollte ich den Fokus setzen. Ich wollte das Leben von Oma in den Mittelpunkt meiner Rede stellen.

Und das hat funktioniert.

Der Tag der Tage war gekommen und ich war natürlich aufgeregt. Aber immer wieder spürte ich diese Zustimmung, Omas Zustimmung, dass am Ende alles gut wird. Und genau das hat mir geholfen. Zu wissen, dass die Trauerrede Oma gefallen hätte. Weil sie ein Portrait von Oma gezeichnet hat, das ihr gerecht wurde.

Ein Portrait, das mir geholfen hat, sich auch Jahre später noch an sie zurĂĽckzuerinnern. Und selbst heute, viele Jahre nach der Beerdigung, bekomme ich von unseren Freunden und Verwandten die RĂĽckmeldung: Wir erinnern uns so gerne an diese Trauerfeier fĂĽr Oma zurĂĽck. Denn Du hast uns Kraft gegeben und dabei den Eindruck vermittelt: “Irgendwas von ihr bleibt hier”.